Mit oder ohne Verb
Sprachwissenschaftlerin Ina Bornkessel promovierte mit 22
Schaut man sich die Lebensstationen von Dr. Ina Bornkessel an, glaubt
man seinen Augen nicht zu trauen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit und glänzenden
Ergebnissen verfolgt sie ihre berufliche Entwicklung. Konsequent und zügig steuert sie
auf ein einmal gesetztes Ziel zu. Allein die Tatsache, dass die 23-Jährige bereits
promovierte Sprachwissenschaftlerin ist, belegt dies.

Foto: Fritze |
Mit diesem Alter ist Ina Bornkessel die jüngste Promovendin in der
Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. und der
Universität Potsdam. Im Sommer dieses Jahres schloss die damals erst 22 Jahre junge
Forscherin nach nur einem Jahr Arbeit ihre Dissertation an der Universität Potsdam mit
dem Prädikat "summa cum laude" sehr erfolgreich ab. Seit April des vergangenen
Jahres arbeitet die Wissenschaftlerin als Mitarbeiterin im Teilprojekt "Syntaktisches
Arbeitsgedächtnis bei der Satzverarbeitung" der Forschergruppe
"Arbeitsgedächtnis" am Max-Planck-Institut für neuropsychologische Forschung
in Leipzig.
Bei ihren Forschungen kommt der in Berlin Geborenen zugute, dass sie im Alter von sieben
Jahren mit ihrer Mutter nach Australien ging und dort bis zum Abschluss des Abiturs in
Tasmania zweisprachig aufwuchs. Wieder nach Berlin zurückgekehrt, begann sie 1997 an der
Universität Potsdam ein Studium der Allgemeinen und Theoretischen Linguistik sowie
Computerlinguistik. Sie beendete es schon nach vier Jahren mit einem Diplom als
Sprachwissenschaftlerin. Ohne Zeitverzug begann sie anschließend mit ihrer Dissertation.
Wie kommt es, dass der Mensch Sprache verstehen, speichern und verarbeiten kann? Welche
Prozesse spielen sich dabei im Gehirn ab? Ina Bornkessel konnte in ihrer Dissertation von
der bereits länger bekannten Tatsache ausgehen, dass für die Speicherung von Begriffen,
für das Erfassen der Wortbedeutung, für grammatisch richtige Satzbildung mit Hilfe von
Funktionswörtern (weil, dass, den ...) unterschiedliche Regionen des Gehirns
verantwortlich sind, die bei der Sprachverarbeitung zusammenwirken. Die entsprechenden
Gehirnaktivitäten werden heute mit der Enzephalographie-Methode (EEG), das heißt durch
Messung von Hirnstromwellen registriert. Deren Frequenz erhöht sich bei geistiger
Betätigung, die ja in der Regel mit Sprachverarbeitung verbunden ist. Mit einer Fülle
von EEG-Messungen hat Ina Bornkessel herausgefunden, dass das Gehirn ständig Sätze
interpretiert und oft auch im Voraus vervollkommnet, ohne dass zum Beispiel ein
endständiges Verb oder ein Objektbegriff bereits ausgesprochen wurde. Es ist also nicht
so, dass - wie man annehmen könnte - der Sprachverständnisprozess erst beginnt, wenn der
Satz mit Subjekt, Prädikat, Objekt vollendet ist, sondern schon lange vorher.
Ina Bornkessels Dissertation hat nach Auffassung ihres Gutachters, Prof. Dr. Gisbert Fanselow,
"das Potenzial, die weitere psycholinguistische Forschung ganz entscheidend zu
beeinflussen". Dass die Ergebnisse der Forschungen von Ina Bornkessel auf den
Gebieten Neurolinguistik, Psycholinguistik und Grammatiktheorie in Fachkreisen anerkannt
sind, zeigt die Tatsache, dass sie als Autorin beziehungsweise Koautorin bereits auf
Veröffentlichungen in international renommierten Journalen verweisen kann.
Nur auf den ersten Blick erscheinen die Forschungen in der Sprachwissenschaft sehr
theoretisch und praxisfern. Auch mit Ina Bornkessels Ergebnissen werden die Grundlagen
dafür gelegt, dass zum Beispiel Sprachstörungen, hervorgerufen durch Störungen im
Sprachzentrum, etwa bei Schlaganfallpatienten, behandelt werden können.
be/ak
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[Letzte Aktualisierung 7.10.2002 Steffi Knappe]
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