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Ankunft im Nachkriegsdeutschland
Prof. Dr. Helmut Peitsch über das Wirken dreier kommunistischer Exil-Schriftsteller

Endlich war der Moment gekommen. Lange hat es gedauert, bis die Besetzung der Professur für Neuere Deutsche Literatur im Uni-Institut für Germanistik erfolgen konnte. Nun fand sie statt, die Antrittsvorlesung von Helmut Peitsch, Wissenschaftler mit großer Affinität zum Weltenbummler Georg Forster. Der Titel des Vortrags lautete "Alles ist heute möglich".

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Widerlegte in seiner Antrittsvorlesung die These von den nicht vorhandenen Wirkungsmöglichkeiten kommunistischer Schriftsteller in der von den Amerikanern besetzten Zone im Nachkriegsdeutschland.
Foto: Fritze

Dahinter verbargen sich Ausführungen, die sich mit dem Wirken der aus dem Exil in die damalige US-Zone zurück gekehrten deutschen kommunistischen Schriftsteller Eduard Claudius, Stephan Hermlin und Hans Mayer beschäftigten. Dass Peitsch in seinem Vortrag deren durchaus vorhandene Möglichkeiten künstlerischen Agierens auf jenem Territorium betonte, hat seinen Grund. In der Literaturgeschichtsschreibung wird die westdeutsche Nachkriegsliteratur vielfach mit einem Verständnis von "Junger Generation" gleichgesetzt, das nicht zuletzt in der Gruppe 47 vertreten, im Wehrmachtssoldaten ein unschuldiges Opfer sah. Aus diesem Konzept von "Junger Generation" ergibt sich nicht selten und eigentlich bis in die Gegenwart hinein die Unterstellung einer gewissermaßen natürlichen Ablehnung der Exilliteratur. Peitsch trat den Gegenbeweis an, legte dar, wie erfolgreich sich die drei in die literarisch-publizistische Auseinandersetzung über einen Neubeginn nach dem Faschismus einschalteten und dabei für sich die Position der "Jungen" in Anspruch nahmen, freilich mitunter nicht ohne einen Widerspruch, der im Einschluss zugleich auch Ausschluss bedeuten konnte. Bevor der Redner allerdings ausführlich drei Argumentationsfiguren unterschied, mit denen sich Claudius, Mayer und Hermlin in der Diskussion über Literatur positionierten, ging er noch einmal auf den Unterschied zwischen dem literarischen Konstrukt "Junge Generation" und dem der empirischen "Jugend" ein. Das insbesondere vor dem Hintergrund, dass die drei aus der Schweiz gekommenen Exilanten sich eben auch im Kontext eines umfangreichen gesellschaftlichen Redens über Jugend verorten mussten.

Als erste für Claudius, Mayer und Hermlin typische Argumentationsfigur verifizierte der neue Potsdamer Uni-Professor dann deren Auffassung von der Notwendigkeit eines unbedingten allgemeinen gesellschaftlichen Neubeginns, den alle drei Schriftsteller programmatisch vertraten. So unterschiedlich die Analogien dabei offensichtlich waren, die gezogen wurden, so sehr herrschte zum Beispiel Übereinstimmung in Fragen von "Schuld". Weder findet sich nach Peitschs Ansicht in deren Texten ein Gegensatz von Scham und Schuld noch gehen ihre Meinungen bei der These der Kollektivschuld auseinander. Sie vertreten sie, so Peitsch, überzeugt, nicht jedoch ohne auf die Wichtigkeit von Differenzierung hinzuweisen.

Die zweite Argumentationsfigur, mit der sich nach Meinung des Uni-Germanisten die drei kommunistischen Schriftsteller bemühen, ihre Position in einer "neu beginnenden" Literatur zu legitimieren, ist ihre Kritik eines machanischen Materialismus. Was Peitsch damit meint, ist deren Art der Behandlung jener so bedeutenden Frage der "Verantwortlichkeit jedes einzelnen". Für ihn ist insbesondere Mayer derjenige, der hier scharf artikuliert. Der nämlich habe in seinem Buch, betitelt "Karl Marx und das Elend des Geistes", das Angebot an die Existentialisten einerseits am grundsätzlichsten formuliert, andererseits aber einen Widerspruch angemeldet, der die Argumentationsfigur der Kritik am mechanischen Materialismus in eine Kritik am "Primat des Geistes" wendete. Diese Wendung habe, meinte Peitsch im Vortrag, durchaus Entsprechungen in der Publizistik von Claudius und Hermlin. Etwa wenn beide auf ihre Weise "Innerlichkeit" kritisieren, weniger gegen die Illusion der Autonomie als gegen die Illusion des Rückzugs aus der Politik oder -allgemeiner- Geschichte gerichtet.

In der Positionierung als junge Deutsche, "Erben" einer Geschichte, mit deren bis in die Gegenwart reichenden Kontinuität zu brechen sei, sieht Peitsch die dritte Argumentationsfigur. Gekennzeichnet sei sie durch ein Phänomen: Gemeint ist die in den Texten der Autoren vorhandene unterschiedliche Verwendung der Personalpronomen "Wir" und "Ich". So sprächen die drei im Gebrauch des "Wir" zum einen zu den "Jungen", zum anderen auch für sie. Zudem zeige sich in den publizistischen Texten der drei ein Wechsel vom "Wir" zum "Ich" oder zu einem anderen "Wir", der wiederum auch Widerspruch insistiere. Ein solcher dokumentiere sich deutlich in Claudius' Beitrag auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress 1947 in Berlin, in dem sich das "Wir" des Emigranten und das "Wir" des "Jungen" mische. Der Schiftsteller hatte seine Rede im Namen "von uns jungen Menschen" begonnen, um für ein Ende der Debatte über Innere Emigration und Exil sowie eine Abrechnung mit der Vergangenheit zu plädieren, bis er schließlich bei seiner Situationsbeschreibung vom "wir Jungen" zum "unsere Jungen" wechselte.

pg

 

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[Letzte Aktualisierung 22.09.2002 Steffi Knappe]